1663 - “Die Feldzüge Montecuccolis gegen die Türken, von 1661 bis 1664”
“Die Feldzüge Montecuccolis gegen die Türken, von 1661 bis 1664”
Article “Die Feldzüge Montecuccolis gegen die Türken, von 1661 bis 1664”, by an unknown author, in the journal “Österreichische Militärische Zeitschrift”, volume 2, 1828.
Feldzug von 1663.
In dem darauf folgenden Jahre 1663 waren die Ostreicher noch weniger zum Kampfe gerüstet, als in dem verflossenen. Der Staat blutete noch an den Wunden des dreißigjährigen Krieges, und des Krieges in Polen und Dännemark. Östreich wünschte den Frieden, und schenkte den friedlichen Außerungen Ali- Bassas, der die zu Temeswar angeknüpften. Unterhandlungen von Seiten der Pforte leitete, zu viel Glauben, als daß es auf Rüstungen gedacht hätte. Während die Türken Armeen versammelten, und ihre Festungen dotirten, that man östreichischer Seits weder das Eine, noch das Andere. Kaum wollte man es in Wien glauben, sagt Montecuccoli, als man gegen Ende Aprils die von allen Seiten bestätigte Nachricht erhielt, daß die Pforte über 100,000 Mann, mit mehr als 200 Kanonen, unter persönlicher Anführung des Großveziers, im Banate und an der untern Donau versammelt habe.
Die kaiserlichen Streitkräfte waren dagegen ganz zerstreut. Da man an keinen Krieg dachte, hatte man. die Regimenter reduzirt; die Artillerie war ohne alle Bespannung, und deren Offiziere waren vor einem halben Jahre größtentheils entlassen worden. Man beforgte so wenig einen Angriff von Seiten der Türken, daß man noch im März und April dieses Jahres 5 Regimenter Infanterie, nämlich: Schöneg, Zwelling, Fabri, Caraffa und Porzia, den Spaniern nach Neapel und Mailand überließ, welche sie in Sold nahmen, Alles, was Östreich damals den Türken entgegenzusehen hatte, bestand in 12 Regimentern Infanterie, 11 Kürassier und 3 Dragoner - Regimentern, und 1 Regiment berittener Kroaten, die zusammen gegen 28,000 Mann betragen mochten. Um aber Siebenbürgen nicht ganz aufzugeben, lagen von diesen Truppen in Klausenburg, Szamos-llivar, Kovar, Bethlen, re. und um Ober- Ungern vor Streifereien der Türken zu schützen, in Szathmar, Huszth, Tockay, Szekelyhid, Szendrő, Kalo, Karoli, Onod, Puttnock, und andern kleinen Posten an der Grenze, 4 Kavallerieund 3 Infanterie Regimenter, und das halbe Dragoner-Regiment Jaque, feit dem letzten Feldzuge vertheilt. Auf diese war bei den Operazionen im Felde, nicht zu zählen. Aus gleichem Grunde lagen 1 Infanteries, 1 Kürassier- und 1 Dragoner - Regiment, in Steiermark. Das Kürassier- Regiment Walter war in Füllek, Komorn und Neuhäusel vertheilt. Das Infanterie-Regiment Kaiserstein endlich hielt Raab, Papa, Weßprim, und die ganze Grenze bis Klein - Komorn nächst dem Platten - See besetzt. Die übrigen Regimenter waren noch in entlegenen Provinzen zerstreut, und erhielten Befehl, sich nach Ungern in Marsch zu setzen.
In dieser Zeit der Noth berief das Vertrauen des Kaisers den FM. Montecuccoli abermals zum Oberfeldherrn. Mehrere ungrische Magnaten wurden nach Wien beschieden, und ihnen die obschwebende Gefahr eröffnet. Den 6 Mai versammelte sich der Landtag, auf dem eine allgemeine Insurrekzion beschlosseni wurde. Doch vor der Mitte des Juli, erklärte derselbe, könne diese nicht zu Stande kommen, und drang dar auf, daß vor dieser Zeit sich auch keine kaiserliche Armee auf ungrischem Boden versammeln solle; der Schwierigkeiten der Verpflegung halber, welche sonst die Insurrekzion unmöglich machen würden. — Die festen Plätze Raab, Komorn und Neuhäusel aber, welche, außer den kaiserlichen Truppen, nur noch mit einigen` Haiducken beset waren, standen dem ersten Andrange des Feindes ausgesetzt, und mußten schleunigst mit Truppen verstärkt werden. Der Landtag sette sogar hier zur Bedingung, daß dieses nicht zu Lande geschehe, — sondern die Truppen auf der Donau dahin abgehen, während ihrer Fahrt nicht ans Land steigen, und vom Landegar keine Verpflegung erhalten sollten. Auch die nahe Gefahr, ihre ganze Habe in Rauch und Flamme auflodern zu sehen, konnte die Gleichgültigkeit der Ungern nicht besiegen.
Es wurden die Infanterie-Regimenter Baden, Spar, Pio, und die Hälfte von la Corona, zur Verstärkung der Besatzungen von Raab, Komorn und Neuhäusel abgeschickt. Die andere Hälfte von la Corona blieb in Böhmen zurück. Die Hälfte des Infanterie-Regiments de Mers war an der Waag und in den ungrischen Gebirgsstädten vertheilt; die andere Hälfte-desselben blieb in Schlesien in ihrem Standquartiere. Das Infanterie-Regiment Strozzi endlich blieb zur Besatzung in Wien, und verschanzte die dortigen Inseln der Donau. Auf die Truppen des Banus von Kroatien konnte man vorerst nicht zählen, weil er für seine Grenzen fürchtete. Das deutsche Reich versprach Hilfe; bis diese aber anlangte, konnte der Feind schon vor den Thoren Wiens stehen.
Mit den noch übrigen verfügbaren Truppen, und mit der Insurrekzion, sollte Montecuccoli dem Koloffe des Feindes die Spize bieten. Demselben über die Raab oder die Neutra hinaus entgegen, — zu gehen, obgleich man auf diese Weise den Geist der Truppen und des Landes durch ein entschlossenes Vorrücken wohl Anfangs unterstützt, und die Schritte des Feindes in der Nähe beobachtet hätte, — hielt Montecuccoli deßwegen nicht für thunlich, weil er sich zu schwach glaubte, um dem Gegner in jenen ebenen und offenen Gegenden, wo ihn derselbe das ganze Gewicht seiner zahlreichen Kas vallerie konnte fühlen lassen, ein Haupttreffen zu lies fern. Diesem aber sehte er sich offenbar aus, wenn er sich den Bewegungen des Feindes entweder gerade ents gegensetzen, oder ihnen zur Seite folgen wollte; und eine Niederlage hätte Alles verlieren gemacht; oder ein schleuniger Rückzug, gleich nach den ersten Schritten vorwärts, hätte die allgemeine Bestürzung auf das Höchste getrieben. Sich neben und unter die Kanonen eines der festen Plätze aufzustellen, erachtete er auch nicht für rathsam, weil dadurch die Verproviantirung dieser Lestern, die als Vormauern dienen und den Feind möglichst lange beschäftigen sollten, wäre erschwert worden, und er sich dabei aussette, sammt diesen, mit seiner geringen Truppenzahl von der zwanzigfachen feindlichen Übermacht eingeschlossen zu werden.
Es wurde daher in dem Kriegsrathe, den Montecuccoli während des Mais in Wien zusammen berief, beschlossen eine Zentralstellung rückwärts zu nehmen, aus der man den Bewegungen des Feindes überall in Zeiten begegnen, und die vorwärts liegenden Plätze nach Umständen unterstützen könnte; die dießseitige Schwäche dem Feinde möglichst zu verbergen; Haupttreffen auszuweichen, und nur dann zu schlagen, wenn offenbare Blößen des Feindes den gewissen Sieg-versprächen. Die türkische Armee stand im Mai noch an der untern Donau, zwischen Essek und, Belgrad, und bei Temeswar, in großen Haufen vertheilt (bei Belgrad 40,000 Mann). Steiermark und die noch füdlichern Provinzen waren durch ihre Gebirge geschützt, die der Fechtart des Feindes, dessen Heer größtentheils aus Reiterei bestand, entgegen waren. Günstige Schlachtfelder fanden die Türken auf den Wegen nach Östreich, und die Eroberung der Hauptstadt konnte dort ihre Siege krönen. Dorthin hatten sie zwischen zwei Hauptrichtungen die Wahl, entweder jener von Kanizsa über Odenburg, im Westen des Neusiedler Sees, oder jener im Osten desselben, längs der Donau. Der große Belagerungstrain aber, den sie zubereiteten, und die Anstalten, die zu Gran und Ofen gemacht wurden, lietzen vermuthen, daß es auf Raab, Komorn, oder Neuhäusel abgesehen sey. Die beschlossene Zentralstellung mußte so gewählt werden, daß man bei der Hand war, diesen Plätzen zu Hilfe zu eilen, und zugleich in wenis gen Märschen sich von einer der zwei genannten Linien auf die andere bewegen konnte.
Die Rabnitz, die ein Ausfluß des Neusiedler Sees ist, und sich bei Raab in einen Arm der Donau ergießt, — die Donau zwischen Raab, Komorn und Gutta, — und dann die Waag, bilden zwischen dem sogenannten Weißgebirge, oder dem Hauptrücken zwischen der Waag und der March, - und dem Neusiedler See, einen Terrainabschnitt; und beinahe in dessen Mittelpunkte liegt Ungrisch-Altenburg, welches ein befestigtes Schloß hatte. An dem Umfange dieses Abschnittes liegen Raab und Komorn, Ersteres auf der Hauptstraße von Ofen nach Wien, und Neuhäusel diente der Linie der Waag als Vorwerk. Die Rabnitz fließt vom Neusiedler See bis gegen Kapi oder Rabnitzhof noch heut zu Tage in einem ununterbrochenen Sumpfe,. Hansag genannt, der in seinem mittlern Theile über zwei Meilen, und in der Nähe des Sees gegen eine Meile breit ist. Damals aber erstreckte sich der Sumpf höher hinauf, und zog sich von den Dörfern Sommerein und Leiden bis an das Ufer der Leitha bei Altenburg. Die Rabnitz selbst war schon von dem Dorfe Abda an, allwo die Straße von Preßburg nach Raab diesen Fluß überzieht, bis Rabnitzhof, wegen sumpfiger Umgebung, nicht zu passiren. Die wenigen Wege, die durch den Morast führten, liefen endlich alle im Angesichte Altenburgs zusammen, bis auf einen, der durch Stauung der Leitha, und mittelst Durchstechungen, leicht unbrauchbar gemacht, und durch wenige Mannschaft vertheidigt werden konnte. Die Hauptstraße von Ofen nach Wien war durch Raab gesperrt, mit welchem Plage man, so lange man im Besiße der kleinen Schütt war, in steter Verbindung stand. Auf dem linken Ufer der Donau konnte die Waag oberhalb, Gutta, bei trockener Jahreszeit, wo sie arm an Wasser, und an den meisten Orten zu durchwaten ist, gegen die Verheerungen und Streifereien der Tataren wohl nicht schützen; aber zwischen Gutta, Farkasd, Sellye und bis Schintau (Sempthe) hinauf, machten sie Moräste und dicht bewachsene Auen theils ganz uns zugänglich, theils nur schwer zugänglich. Bei dem Dorfe Farkasd war eine Überfuhr. Schintau war ein Fort, das aber nicht vollendet war. Die Strecke von Schintau bis Freistädtl aber war offener, und an mehreren Orten zugänglich. Bei letzterm Orte selbst theilt sich der Fluß in mehrere Arme, und erleichterte den Übergang. Freistädtl selbst hatte ein befestigtes Schloß; und dort, so wie bei Schintau, bestand eine Brücke über den Fluß. Mithin waren nur wenige Punkte, die den Durchzug einer Armee gestatteten; und unter diesen hauptsächlich Sellye, Schintau und Freistädtl zu bewachen. Es konnte aber auch nicht die Rede davon seyn, mit den wenigen Truppen, die noch zu Gebote standen, dem Feinde den Übergang, wenn er ihn mit Macht erzwingen wollte, zu verwehren; sondern es handelte sich nur darum, daß der so zahlreiche Feind nicht gleich von allen Seiten auf den Hals fallen könne, und man durch die Schwierigkeiten des Terrains Gelegenheit haben möchte, ihm jeden Fußbreit Landes streistig zu machen: Zu Legterem bot der Landstrich zwischen der Donau und Waag die Hand, der von einer Menge Eleiner Flüsse durchschnitten ist, welche von den Karpathen herab der Dudwaag zufließen, zwischen denen waldige Höhenrücken fortziehen, und die zum Theil hohe und steile Ufer haben. Endlich konnte vielleicht Neuhäusel einen beträchtlichen Theil der feindlichen Macht geraume Zeit beschäftigen. Die große Schütt diente dem linken Ufer der Donau als WaffenPlatz , von wo aus, wenn Übergänge über den sie nördlich umschließenden Donauarm, der damals der beträchtlichste von den dreien war, welche die beiden Inseln Schütt bilden, vorbereitet und durch Befestigung versichert wurden, man im ersehenen günstigen Zeitpunkte auf Unternehmungen ausgehen, und nach vollführter That sich wieder in Sicherheit zurückbegeben konnte. Von Komorn aus, konnte man des Feindes Verbindungen auf beiden Ufern bedrohen.
Dieser Terrainabschnitt wurde von Montecuccoli als der vortheilhafteste SchauPlatz für die Vertheidigung erkannt, und die Rabnitz und die Waag wurden als der Umfang bestimmt, innerhalb welchem sie spielen sollte. Ungrisch-Altenburg wurde als Zentralpunkt gewählt, bei dem sich die Truppen versammeln, und dort die Schritte des Feindes abwarten follten. Von hier aus Hatte man nach allen Punkten des Umfangs ungefähr gleich weit, wenn man die Ufer der Donau - Arme durch Brücken verband, und einen freien Durchgang durch die Schütt eröffnete. Auf welchem Ufer der Donau auch der Feind operiren wollte, man konnte ihm dann überall, so wohl an der Waag, als an der Rabnitz, zuvorkommen. Altenburg selbst, welches mit seinem befestigten Schlosse, nebst seiner soliden Mauer, gleichsam das Bollwerk einer schmalen Erdzunge zwischen der Leitha und einem Arme der Donau war, gewährte, bei den sumpfigen Ufern der Erstern, welche durch Anstauungen leicht noch unzugänglicher gemacht werden konnten, eine vortheilhafte Stellung, die Montecuccoli für stark genug hielt, um mit einer geringen Zahl auch gegen eine feindliche Übermacht schlagen zu können. Im äußersten Falle könnte man in die Schütt hinüberziehen, um dem Feinde zu entgehen, und mit aller Sicherheit der Hauptstadt, wenn er diese bedrohte, auf dem linken Ufer der Donau zu Hilfe eilen. Die günstige Lage an der Donau gewährte die schnellste Herbeischaffung sowohl von Verstärkungen, als von allen Bedürfnissen, und man konnte jeden Augenblick nach Willkür die Ufer wechseln. Die vielen Auen in dortiger Gegend konnten dazu dienen, die dießseitige Schwäche dem Feinde zu verbergen. Wollte der Feind den Neusiedler See umgehen, so konnte man ihm an der Leitha, und dem Gebirgsrücken zwischen dieser und dem Neusiedler See, zuvor kommen. Wählte er endlich die Linie über Kanisa und Ödenburg, so konnte man ihm wenigstens schon an der obern Raab begegnen.
Die Truppen sollten sich in der zweiten Hälfte des Juni bei Altenburg versammeln; die erwähnten Schwierigkeiten aber, welche die Ungern machten, und erneuerte dringende Vorstellungen des Erzbischofs von Raab: daß die Insurrekzion vor der Mitte des Juli nicht auftreten könne, und daß Alles in Verwirrung zu gerathen drohe, wenn die Armee früher den ungrischen Boden beträte, bewogen den Hofkriegsrath, die in Marsch begriffenen Regimenter anzuhalten, und den Zeitpunkt ihrer Versammlung bis in die Hälfte des Juli zu verschieben.
Zum Glück für Östreich benüßten die Türken alle diese Zögerungen nicht. Obgleich sie schon Anfangs Mai den Feldzug hätten eröffnen können, blieben sie doch den ganzen Juni hindurch unbeweglich bei Belgrad stehen. Der Großvezier Achmet Kiuperli war seit dem 6 Juni dort, und es rückte auch sogar zu Anfang dieses Monats Ali Bassa von Temeswar mit seinem ganzen Korps Janitscharen und Reiterei dahin ab. Sie sprengten Gerüchte aus, als sen ihre Absicht gegen Kroatien.. Vielleicht wollten sie durch den Marsch Ali-Bassas denselben Wahrscheinlichkeit geben, oder sie waren in der That noch unschlüssig, wohin sie sich wenden sollten. Montecuccoli aber, obgleich die Provinzen Steiermark und Kroatien ihn und den Hofkriegsrath bestürmten, sie zu schützen, richtete sein Augenmerk unverrückt auf die Donau, und täuschte sich nicht. Auch war es nicht zu vermuthen, daß die Türken, so lange sie freie Wahl hatten, den Vortheilen entsagen sollten, welche ihnen die Donau für den Nachschub ihres ungeheuren Trains, den sie mitzuführen pflegen, und für ihre Verpflegung gewährte. Für Letztere müssen sie um so ängstlicher besorgt seyn, da ihr Soldat, ungeachtet er mäßig ist, und sein Magen sich mit Wenigem begnügt, doch den Mangel im Felde nicht gern erträgt, und bei Eintritt desselben leicht zu Empörungen geneigt ist, oder das Heer verläßt. Der Mangel an Lebensmitteln aber müßte bei ihnen so oft eintreten, als nicht bei Zeiten die Magazine gefüllt sind; weil die wilden und zahllösen Schwärme leichter Truppen, die ihnen voraneilen, gleich bei ihrem Erscheinen Alles verheeren. Auch richteten sie stets, bei allen ihren Kriegen, auf die Lebensbedürfnisse eine ganz vorzügliche Sorgfalt, und man hat wenige Beispiele, daß sie im Felde daran Mangel litten. Selbst in den Wüsten Asiens und Afrikas herrschte Überfluß in ihren Lagern.
Im Laufe des Juni und Juli befetzten die Östreicher die Waag mit einem Kordon, aus einiger Infanterie, und dem Dragoner-Regimente Görgky bestehend. Diese Truppen versahen zugleich die ungrischen Bergstädte, die laut um Schutz gerufen hatten, mit schwachen Besahungen. Trotz dem herannahenden Ungewitter, wovon man im April schon unterrichtet war, hatte man keine. Anstalten zu ernstlichen Rüstungen gemacht, und als am 15 Juli endlich die Truppen in das Lager bei Altenburg einrückten, waren sie nur in der Stärke nachfolgenden vorhandenen Standesausweises:
Kavallerie
Montecuccoli … 605 Mann
Zeiß … 604
Holstein … 595
Fürtrag … 1804 Mann
Caprara … 679 Mann
Kavach … 960
Knigge … 287
Gutschenich Kroaten … 365
Jaque Dragoner … 181
Summe … 4276 Mann
Infanteru
Promnitz … 1259 Mann
Totalsumme … 5535 Mann
Bei diesen 5535 Streitern befanden sich 12 dreipfündige Kanonen. Nur mit Hilfe der Insurrekzion durfte Montecuccoli jetzt noch hoffen, den entworfenen Vertheidigungsplan mit Nachdruck ausführen zu können, und diese Hoffnung war nur gering. Auf einer Bersammlung zu Komorn wurde beschlossen, daß sich das ungrische Aufgebot des linken Donau-Ufers, in der Umgegend von Neuhäusel, unter Kommando des dortigen Kommandanten FM. Grafen Forgacz, jenes auf dem rechten, zwischen Raab und Papa, unter den Befehlen des Bischofs von Raab, versammeln solle. Weil sich die Insurrékzions-Truppen nur für eine kurze Zeit zum Felddienste gebunden hielten, so hatte man davon die brauchbarste Mannschaft ausgewählt, welche durch Beisteuer derer, die zurückblieben, unterhalten und ausgerüstet wurde, dagegen aber für die Dauer des ganzen Feldzuges zum Dienste verbunden seyn sollte. Die Insel Schütt war zum großen Theile überschwemmt, und so fumpfig, daß man die Gemeinschaft durch dieselbe zu schwer fand, und eine Schiffbrücke bei Preßburg schlug. Raab, Komorn und Altenburg versah man mit der nöthigen Anzahl Fahrzeuge zur Unterhaltung der Gemeinschaft mit beiden Ufern.
Indessen fiel, — außer einigen heftigen Angriffen der im Paschalik von Ofen vertheilten türkischen leichten Truppen auf Weßprim, Wason, und einige andere von Deutschen und Ungern besetzte Palanken an der Grenze, die sämmtlich abgeschlagen wurden, — bis zum Monate August nichts von Feindseligkeiten vor. Die Ostereicher standen ruhig bei: Altenburg, und Achmed. Kiuperli blieb durch den ganzen Monat Juni unbeweglich bei Belgrad stehen. Endlich im Juli erhoben sich die Türken; am 25. traf ihre Vorhut bei Gran ein, und Anfangs August war ihre ganze Macht bei dieser Festung vereinigt. Sie bestand aus 120,000 Mann mit 225 Kanonen, nämlich:
Janitscharen …. 12,000 Mann
Asiaten und Albaneser, aus Infanterie
und Kavallerie Bestenden … 35,000
Korps des Ali-Bassa von Temesvar … 18,000
Siebenburger … 5,000
Grenztruppen … 15,000
Tataren, Modaver und Walachen .. 35,000
Summa 120,000
Sie führten einen ungeheuren Belagerungs- und einen bedeutenden Pontons - Train mit sich. Auch waren zu Gran und Ofen den ganzen Sommer hindurch sölche Vorbereitungen gemacht worden, daß es an nichts zu einer Belagerung Nöthigem fehlte.
Das Korps des Ali Bassa setzte bei Gran in Schiffen über den Strom, postirte sich in und um das am linken Ufer liegende Parkan, und es wurde ein Brückenschlag begonnen. Gen. Graf Forgacz, Kommandant von Neuhäusel, dem Kundschafter berichtet hatten, daß die übergesetzte Abtheilung nur schwach sey, und welcher vermuthete, daß die Brücke nicht so bald zu Stande kommen würde, beschloß, die Vollendung derselben zu hindern. Er nahm 500 Mann deutscher Infanterie, die Hälfte der in der Festung befindlichen Haiducken, und die gesammte Kavallerie des Platzes, tie aus dem Kürassier Regimente Walther und 300 ungrischen Reitern bestand, nebst einigen Kanonen mit sich, und eilte in forcirten Märschen gegen Parkan.
Ein Offizier, der seitwärts in das, nur noch eine Viertelmeile von Parkan gelegene, Dorf Ebed entsendet wurde, berichtete der Richter des Dorfes habe ihm gemeldet, daß dem Feinde nur noch drei Schiffe zur Vollendung seiner Brücke fehlten. -Auf diese Nachricht beschloß Forgacz, ungefäumt anzugreifen. Es war am 7 August bei Tagesanbruch. Zugleich war ein Rittmeister mit einer Abtheilung Kevallerie vorgeschickt worden, um den Stand der Dinge bei der Brücke näher zu erspähen. Ein dichter Nebel, der über dem Strome lag, hinderte diesen, etwas wahrzunehmen, und als er sich auf eine andere Seite wandte, stieß er unvermuthet auf eine starke türkische Vorwache, die ihm weit überlegen war, und seine Truppe in Unordnung zurückwarf. Auf die ersten fallenden Schützfe eilte Forgacz mit der Reiterei, und einigen wenigen Haiducken, die noch gut zu Fuß waren, schnell voran, und ließ die Infanterie gegen zweitausend Schritte zurück. Uber die Absicht des Überfalls war schon verfehlt. Auch die Türken hatten sich auf den Lärm erhoben, verfolgten in dichten Schwärmen die fließende Vorhut, und ehe die mit Forgacz voraneilende Reiterei sich formiren konnte, wurde sie schon mit Ungestüm angegriffen, und auf die nachfolgende, von beschwerlichen Märschen ganz erschöpfte Infanterie zurückgeworfen, in welche der Feind eindrang. Was nun nicht niedergehauen ward, wurde gefangen genommen, oder zerstreut. Forgacz, statt daß er überfallen wollte, wurde selbst überfallen, und nur mit wenigen Reitern erreichte er Neuhäusel wieder; alles übrige war verloren; an Fußvolk allein büßte er nahe an 1200 Mann ein. 200 Haiducken von Komorn, die bei dieser Unternehmung mit, wirken sollten, kamen glücklicher Weise zu spät.
Montecuccoli ertheilt dem Grafen Forgacz keine Lobsprüche, und nennt dessen Unternehmung sowohl übel begründet, als ausgeführt. Den Feind am Brückenschlage zu hindern, war allerdings von Wichtigkeit. Auf der andern Seite durfte aber, bei der großen Übermacht des Feindes, der Staat nur darin seine Rettung hoffen, wenn der Feind blind genug war, sich die Zeit mit Belagerungen zu vertreiben, und sich bei den Festungen aufzuhalten. Nur der Widerstand dieser Lehteren konnte es möglich machen, den Sturm abzuleiten. Daher dürfte es verwegen zu nennen seyn, den Platz von einem so beträchtlichen Theile seiner Besatzung zu entblößen, und sich damit auf mehrere Märsche zu entfernen. Die Hoffnung des wahrscheinlichsten Erfolges hätte es kaum rechtfertigen können. Waren aber auch die Nachrichten gegründet, die Forgacz zu diesem Entschlusse veranlaßten, so konnte bis zu seiner Ankunft der Feind sich hinreichend verstärkt haben. Dem Feinde mußte am Ende doch der Übergang gelingen.
Die Nachricht von diesem Unfalle verbreitete panischen Schrecken zu Neuhäusel, und im ganzen Lande. Die Truppen des Aufgebots, wovon sich dort ein guter Theil versammelt hatte, flohen nach allen Seiten; die Garnison war um ihren besten Theil geschwächt, und es ist wahrscheinlich, daß, wenn die Türken diesem errungenen Vortheile rasch gefolgt wären, und den Platz , bevor ihm Hilfe geschickt werden konnte, eingeschlossen hätten, sie ihn ohne langen Widerstand erobert haben würden. Aber sie verfolgten Forgacz nicht, und Kiuperli blieb noch mehrere Tage unthätig stehen; wodurch Montecuccoli Zeit gewann, die Besatzung von Neuhäusel wieder hinreichend zu verstärken. Es wurden von Raab die dort liegende Hälfte des Regiments Spar, nebst 2 Kompagnien von Kaiserstein, und einige Kürassiere und Dragoner von der Waag aus, dahin gesandt.
Mittlerweile waren auch die Kavallerie-Regimenter Spork, Heister und Schneidau, so wie 5 Kompagnien des Dragoner Regiments Jaque, aus Ober-Ungern angelangt. Die Erstern blieben an der Waag stehen; die Dragoner hatten aber noch Zeit, sich in Neuhäusel zu werfen. Raab, und die ganze Grenze von da bis Klein Komorn, waren jest nur noch mit dem halben Regimente Baden, und dem Reste von Kaiserstein besetzt. Ein Theil des Infanterie-Regiments Promnitz wurde zur Bewachung der Schiffbrücke bei Preßburg gesandt; der Überrest desselben wurde in Altenburg als Besatzung gelegt. Die Kroaten und Dragoner im Lager bei Altenburg wurden an die Waag vorgeschickt, und in demselben verblieben hierauf nur noch 5,184 Mann Kavallerie.
Endlich erschien die türkische Armee am 15 August vor Neuhäusel, und begann schon am 17 die förmliche Belagerung. Der Großvezier zog die Eroberung Neuhäusels der des festeren, aber wichtigeren Raabs ver, welches die kürzeste Linie nach Wien sperrte, und mit dessen Eroberung die Schutzwehre, welche die Rabnitz und die Sümpfe bildeten, durchbrochen war. Bei seiner zwanzigfachen Übermacht, hätte der Feind die größeren Schwierigkeiten, welche Raab entgegensetzte, leicht überwinden können. Auch glaubte Montecuccoli, obgleich sich schon seit Anfang Juli die allgemeine Sage verbreitet hatte, daß die Türken Neuhäusel zu belagern im Sinne hätten, daß Raab den ersten Anfall würde auszustehen haben, und schreibt selbst noch das Zögern des Großveziers nach dem errungenen Vortheile bei Parkan, einer Unschlüssigkeit desselben zu, welchen von beiden Plätzen er angreifen solle. Übrigens bedarf es wohl kaum der Bemerkung, daß die Türken bei ihrer ungeheuren übermacht sich mit Eroberung der Festungen eben nicht lange aufzuhalten brauchten; wovon das einzige Raab die Mühe gelohnt hätte, es durch ein zurückbleibendes Korps belagern zu lassen.
Da Neuhäusel nun nicht mehr der SammelPlatz der Insurrekzion des linken Donau-Ufers seyn konnte, so wurde derselben in einer Rathsversammlung zu Preßburg, Wartberg, zwei Meilen von Preßburg, auf dem Wege nach Tyrnau, als SammelPlatz , und der 24 August als der Tag bestimmt, an welchem sie ganz vereinigt seyn sollte. Um diese Insurrekzion, bevor sie ganz vereinigt war, vor Störungen durch jede beliebige Partei des Feindes zu sichern, ging Montecuccoli bei Preßburg auf das linke Donau-Ufer über, bezog am 21. August eine verschanzte Stellung bei Lanschitz (Czecklesz), zwischen Wartberg und Preßburg, und verstärkte den Kordon an der Waag. Das Regiment Zeiß mit 490 Pferden, wurde noch an die Waag vorgeschoben. Es waren längs diesem Flusse in Allem 2496 Mann schwere Kavallerie und 181 Dragoner von Gutta vertheilt. Die Brücken von Freistädtl und Schintau bestanden noch. Vor der Lettern lag eine Schanze, welche, so wie das Fort auf dem diesseitigen Ufer und das Schloß von Freistädtl, besetzt war. Bei letzterm Orte war ein starker Posten zur Vertheidigung der dortigen Brücke. Im Lager bei Lanschitz standen 3346 Mann Reiterei, und 1309 Mann Infanterie. Unter der Erstern befanden sich 149 Baiern, und unter der Letztern 447 Baiern und 862 Mainzer, welche Hilfstruppen eben aus dem deutschen Reiche anlangten. Die Stadt Preßburg weigerte sich, Trotz der Nähe des KriegsschauPlatzes, eine Besatzung aufzunehmen, und alle Bemühungen Montecuccolis, sie dahin zu bewegen, waren fruchtlos. Ihm war an der Besetzung dieser Stadt vorzüglich viel gelegen, weil über die dortige Brücke die einzige Verbindung mit dem rechten Ufer der Donau war, alle anlangenden Verstärkungen und Bedürfnisse zu Wasser dort passiren mußten, und man, obgleich das Schloß besett, so lange die Stadt nicht auch es war, ungesehen bis an die Brücke gelangen konnte. Bei der so großen Schnelligkeit der leichten Truppen des Feindes und ihrer Gewandtheit in Streifereien, konne ten diese, sobald sie einmal die Waag überschritten hatten, die nur schwach besetzt, und an vielen Orten zu durchwaten war, ehe man es sich versah, in die Stadt gelangen, und durch Zerstörung der Brücke eine nicht geringe Verlegenheit verursachen.
Als endlich der 24. August erschien, fand der Palatinus in Wartberg nicht Einen Mann von der Insurrekzion. Die Gespanschaften entschuldigten sich unter allerlei Vorwänden; die Einen, daß sie daheim ihren eigenen Herd zu verwahren hätten; die Andern gaben vor, der Schrecken, den der Schlag von Parkan verbreitet, sey noch so groß, daß sie keine Mannschaft aufzutreiben vermöchten. Die Türken hatten den größten Theil ihrer Reiterei, die Tataren, Moldauer und Walachen, an der Waag von Gutta bis Freistädtl. Diese hielten die kaiserlichen Posten in beständigem Allarm; doch wurden alle Versuche, das diesseitige Land zu verheeren, zurückgewiesen. Auch versuchte FML. Spork mit 2000 Pferden, den Feind zu überfallen, und ihm einen Streich zu versetzen. Die Türken waren aber auf ihrer Hut; denn kaum hatte Spork die Waag überschritten, als er eine überlegene feindliche Macht, die sich noch mit jedem Augenblicke vermehrte, bereit fand, ihn zu empfangen; und er mußte sich glücklich schätzen, unverletzt davon zu kommen. Von dem Zustande Neuhäusels hatte man beständig Nachrichten; und obgleich der Feind die Ufer der Waag und der Neutra mit mehr als 100,000 Mann bedeckte, hatte man durch gewandte und kühne Spione doch Gelegen heit, mit Forgacz einen fortwährenden Briefwechsel zu unterhalten, und die Besatzung mit der Hoffnung eines Entsatzes zu trösten.
An der Waag fielen täglich Gefechte vor; bis jest aber hatten die Türken noch keinen ernstlichen Versuch gemacht, die Postenkette der Östreicher zu durchbrechen. Der Kordon an der Waag war für die geringe Truppenzahl offenbar zu ausgedehnt, um einen ernstlichen Widerstand leisten zu können, und die Truppen bei Lanschitz befanden sich in der augenscheinlichsten Gefahr, plöglich von der zahlreichen und schnellen Reiterei des Feindes umringt zu werden. Montecuccoli gibt die Beschützung der Insurrekzion des linken Donau-Ufers als den einzigen Grund an, warum man bei Lanschitz und an der Waag stand. Dieser hatte aber mit dem 24. August aufgehört, und der Feldmarschall sagt, daß er die eindringendesten Vorstellungen über die Gefahren machte, die mit einem längeren Verweilen verbunden waren; daß man sie aber nicht achtete, nicht einmal beantwortete. Der damals übliche Gebrauch, jeden Schritt der Heere den Berathschlagungen entfernter Kriegsräthe zu unterwerfen, mußte also den FM. Montecuccoli hindern, seine Stellung zu verändern. Auffallend ist aber auch, warum man, da die kleine Schar Montecuccolis. selbst nur dann gesichert war, wenn ihr die Möglichkeit blieb, die Donau zwischen sich und dem Feinde zu haben, bevor dieser seine Übermacht auf sie werfen konnte, einen so ausgesetzten Punkt, als Wartberg, wo den Beschützern und den zu Beschützenden gleiche Gefahr drohte, zum Sammelplage der Insurrekzion wählte, und nicht lieber Preßburg, oder einen Punkt in der Schütt. Wahrscheinlich war auch diese Wahl nicht von Montecuccoli ausgegangen; die Gefahr aber, die er ahnte, traf bald ein.
Endlich bestimmte der Großvezier ein Korps von 25,000 Mann aus allen Waffengattungen, unter Ismael-Bassa, zur Durchbrechung des Kordons, um den Verheerungen der Tataren das jenseitige Land zu öffnen. Schon früher hatte er dem Anführer der Lestern den Übergang über den Fluß und den Angriff auf die Stellung bei Lanschitz anbefohlen; aber dieser entschuldigte sich damit, daß Erstürmung von Verschanzungen nicht die Sache seiner Truppen sey. Am 2. September erstürmte jenes Korps Freistädtl, welches die schwache Besatzung nicht zu vertheidigen vermochte; wobei der Ort in Flammen aufging. Die dortige Brücke über die Waag aber würde noch behauptet.
Am 3 September, mit Tagesanbruch erfolgte ein allgemeiner Angriff auf alle Posten an der Waag. Während die leichten Truppen überall, wo es nur möglich war, durch den Fluß setzten, würden die Posten von Freistädtl und Schintau mit großer Übermacht und Ungestüm angegriffen. Der Posten bei Schintau ward zur Räumung der jenseitigen Schanze gezwungen; ein Theil zog sich in das Fort zurück; der andere, aus Kavallerie bestehend, war, ohne die nöthige Vorsicht zu gebrauchen, im Fouragiren begriffen, wurde vom Fort abgeschnitten, und gegen Lanschitz versprengt. Doch gelang es noch, einige Joche der. Brücke abzuwerfen. Bei Freistädtl setzten die Türken ober- und unterhalb des Ortes, theils durch Furten, theils schwimmend, durch den Fluß, und zwangen die dortigen Truppen zur Verlassung der Brücke und dem eiligsten Rückzuge. Die Infanterie und die Walachen blieben. mit dem Geschütze dort stehen, umringten und beschossen das Schloß; die Tataren aber, gegen 15,000 an der Zahl, wandten sich, ein Theil gegen Preßburg und längs dem Gebirge hin; der andere drang über das Weißgebirge in Mähren ein, über Landshut hinaus. Mit Feuer und Schwert verheerten diese Horden Alles; vom männlichen Geschlechte machten sie nieder, was sie antrafen; vom weiblichen führten sie fort, was ihnen geßel. Ganze Züge des Letztern mußten über das Weißgebirge und durch Freistädtl in das Lager der Barbaren wandern. Städte und Dörfer standen von den Einwohnern verlassen, die der Schrecken vertrieben hatte. Bis St. Georg, nur zwei Meilen von Preßburg, verkündigten Rauch und Flammen das Daseyn des verheerenden Schwarmes.
Schon am 3 September, kurz nach Mittag, drang dieser Lärm bis zum Lager bei Lanschig. Die Truppen traten unter die Waffen, um die von der Waag geworfenen aufzunehmen, von denen aber ein Theil abgeschnitten worden war, und sich über die Berge nach Mähren retten mußte. Gegen die Hälfte der Reiterei war auf Fouragirung ausgezogen; und als sie das flüchtige Landvolk von allen Seiten daher strömen, den Rauch und die Flammen sich immer mehr nähern sah, eilte sie, statt nach dem Lager, von dem sie sich schon abgeschnitten wähnen mußte, oder durch einen Fehlgriff ihres Anführers, gegen Preßburg zurück; und bei Lanschig befanden sich nicht völlig 2000 Pferde, nebst einiger Infanterie. Montecuccoli selbst vermochte in dieser rund umber verbreiteten Verwirrung den wahren Stand der Dinge im ersten Augenblicke nicht zu erkennen, und besorgte, daß dieser Ausflug der Tataren, - was es, wie es sich später zeigte, bloß war, eine ernstliche Offensive der Türken seyn möchte, der in seiner Stellung bei Lanschitz zu widerstehen, er sich für zu schwach hielt. In einem Kriegsrathe fand man, daß ein längeres Verweilen bei Lanschig mit der größten Gefahr verbunden sey, und man eilen müsse, Preßburg zu erreichen, bevor man davon abgeschnitten werde, oder der Feind sich dieser Stadt und der dortigen Brűcke bemächtigt habe. Auch mußte man trachten, sich den von der Fouragirung nach Preßburg gesprengten, und den von der Waag geworfenen Truppen, wovon sich auch ein Theil dahin gezogen hatte, zu nahen, um sie wieder zu sammeln, bevor die Verwirrung weiter eineritz, und sie sich auch von dort zerstreuten.
Nachdem die Truppen bis Nachts unter dem Gewehre gestanden, und überall umher Rauch und Flammen aufsteigen sahen, brach Montecuccoli nach Preßburg auf, langte am 4 um zwei Uhr früh dort an, sammelte die Versprengten wieder, und stellte das ganze Korps vor der Stadt in Schlachtordnung. Aber auch hier zu halten, um eine verschanzte Linie von den Höhen bis an die Donau zu ziehen, wie ihm vorgeschlagen wurde, fand Montecuccoli aus folgenden, von ihm selbst angeführten Gründen nicht für rathsam.
„Erstens wurde befunden, daß zur Besetzung derselben wenigftens 7000 Mann Infanterie erfordert würden, und es waren deren nicht 2000 vorhanden. — Zweitens hätte man in diese Verschanzungen auch die Höhen, welche hart an der westlichen Seite der Stadt liegen, und diese, so wie die Brücke, beherrschen, mit hinein ziehen müssen; was noch mehr Truppen und Mittel erforderte. — Drittens: die Kavallerie mußte vom Fouragiren erhalten werden; und es wurde dieses hier zu beschwerlich gefunden, weil auf dem linken Donau-Ufer, wo in der Nähe Preßburgs lauter Weingebirge und Auen sind, es zu weit gegen den Feind hätte aus geführt werden müssen; wodurch täglich eine beträcht,,liche Truppenzahl dem Lager wäre entzogen worden.
Viertens war man hier beständig wahren und falschen Allarmen ausgesetzt, und dadurch gehindert, auch nur etwas zu entfenden, um den Verheerungen der Tataren Einhalt zu thun. — Fünftens mußte man sich bald möglichst wieder in die Lage versetzen, Truppen in die ganz entblößte Schütt zu werfen, bevor sich der Feind auf dieser wichtigen Insel festsetzte; was man in einer Stellung nicht konnte, die täglichen Angriffen ausgesetzt war, und zu deren Behauptung allein, schon mehr Truppen erfordert wurden, als man bei der Hand hatte. - Endlich sechstens durfte man nicht hoffen, den Magistrat von Preßburg zu bewegen, so lange die Armee noch vor den Vorstädten stand, in die Stadt eine Besatzung aufzunehmen. Entfernte man sich aber, so konnte die nahe Gefahr ihn endlich dahin bringen."
Daß die Stadt nicht besetzt war, war um so mißlicher, weil sie der Brücke, die mit keiner Verschanzung versehen war, gleichsam als Brückens kopf dienen mußte; und es würde um den Rückzug sehr gefährlich ausgesehen haben, wenn der Feind die Truppen aus der vorwärts liegenden Stellung durch einen ungestümen Angriff verdrängt hätte.
Noch am 4. September Nachmittags ging Montecuccoli mit allen Truppen, bis auf eine kleine Abtheilung, die in den Vorstädten Preßburgs blieb, auf das rechte Donau-Ufer über, und bezog bei Kitsee ein Lager. In dieser Stellung sicherte ihn der Strom gegen alle Anfälle, und er konnte mit Ruhe diejenigen Maßregeln ergreifen, welche die Umstände erforderten. Es zeigte sich aber bald, daß die Gefahr nicht so groß war, als man gefürchtet hatte. Bloß die Tataren hausten dießseits der Waag, berührten aber Preßburg nicht.
Zwar erhob sich dort am 5. ein falscher Lärm, und der Schrecken vor den wilden Horden trieb einen großen Theil der Einwohner aus der Stadt; aber man sah bald, daß man sich unnöthiger Weise geängstigt hatte.
Der Kern dieses türkischen Korps entfernte sich nicht von Freistädtl; das dortige Schloß und das Fort von Schintau hielten sich. Kiuperli, der sich vor Neuhäusel eingegraben hatte, ließ es bei den Streifereien seiner Tataren bewenden, und zog aus dem so gelunge nen Streiche die großen Vortheile nicht, die für ihn hätten daraus erwachsen können. Sein Absehen war weder auf die Schütt, noch auf Preßburg gerichtet. Der Feind kam nicht über St. Georg hinaus; sondern zog, mit der Zündfackel in der Hand, im obern Landstriche umher. In den Städten, als Tyrnau und Bösing, versagten die Bürger und Haiducken hinter ihren Mauern ihm den Eintritt. Vier Kompagnien des Infanterie - Regiments Promnitz wurden am 6. nach Preßburg geschickt, und in die Vorstädte verlegt; in die Stadt selbst weigerte sich der Magistrat noch immer, Besatzung einzunehmen. An der Brücke, die von den Höhen eingefehen wurde, wurden erst jetzt Traversen aufgeführt. Jene über das Weißgebirge nach Mähren gedrungene Schwärme der Tataren, die über 8000 Mann betragen mochten, erreichten am 6 bei Landshut die March, die nur von 650 Mann mährischen Aufgebots besetzt war, welche von Ungrisch-Brod und Hradisch bis Lands hut vertheilt lagen. In Landshut stand ein Hauptmann mit 80 Mann. Von diesen machten sie einen Offizier und 30 Mann, die in einer Redoute gestanden hatten, nieder, versprengten die übrigen, und drangen dann sengend und brennend bis Nikolsburg.
Diesen auf den Nacken zu fallen, wurde am 7. September FML. Spork mit 2000 Pferden aus dem Lager von Kitsee entsendet, und ihm noch an demselben Tage das Dragoner-Regiment Görtzky nachgeschickt. Spork eilte noch vor Tage durch Preßburg, und langte, nach einem angestrengten Marsche von mehr als neun Stunden Weges, unter anhaltendem Regen, Nachmittags um vier Uhr auf dem rechten Ufer der March bei Unger an, wo die Ermüdung der Pferde seiner heutigen Bewegung ein Ziel setzte. Um 8. gegen Abend kam er nach Rabenspurg, wo er erfuhr, daß der Feind, nachdem er bis Nikolsburg und Auspiß Alles verheert habe, in größter Hast, und mit Beute beladen, schon über die March zurückgeflohen sey. Diese ihm abzujagen, verdoppelte Spork die Eile. Gleich hier über die March zu setzen, daran mochten ihn die sumpfigen Ufer in dortiger Gegend hindern, und die Brücke über die Taha war abgeworfen. Demungeachtet aber ließ er sich durch einen Umweg von zwei Meilen, den er zu machen genöthigt war, nicht abhalten, seinen Marsch fortzusehen, und langte spät in der Nacht über Lundenburg in Landshut an, nachdem er einen Marsch von sechs Meilen zurückgelegt hatte.
Am 9 bei Tagesanbruch ging er bei Broczka über die March, und eilte dem Feinde auf Schoßberg (Sasvar) nach. Er ließ hier die erschöpften Pferde nur abfüttern, setzte noch diesen Tag über das Weißgebirge, und kam den folgenden nach Tyrnau. Mit noch größerer Schnelligkeit aber flohen die Tataren mit ihrem Raube davon, und Spork vermochte nicht, einen Mann von ihnen zu erreichen. Ihre Spur war durch eine Wüste, und Leichname, denen die Köpfe abgeschnitten waren, bezeichnet. Jeder von ihnen führte ein oder mehrere Handpferde mit sich, auf welchen sie abwechselnd ritten, um schneller fortzukommen, oder die sie mit der Beute und den geraubten Christensklaven beluden. Sie waren mit Säbeln, Bogen und Pfeilen bewaffnet; aber nicht mit Feuerge wehren. Bisweilen ereignete es sich, daß sie sich um den Besit der gemachten Christensklaven zankten; und damit keinem Theile Unrecht geschehe, hieben sie diese nieder. Nach Sports Berichte, wollte das Landvolk namhaft gemachte Eingeborne gesehen haben, wie sie diese Barbaren führten, und ihnen die Schlupfwinkel im Gebirge verriethen, wohin sich das geängstigte Volk geflüchtet hatte. Spork, nachdem er sich durch vorgeschickte Parteien, die bis Freistädtl gingen, überzeugt hatte, daß diesseits der Waag nichts mehr von ihnen zu sehen sey, kehrte von Tyrnau über Preßburg ins Lager bei Kitsee zurück, wo er am 13. September eintraf.
Wahrscheinlich mußte Spork den Feind tiefer in Mähren eingedrungen glauben; sonst würde er wöhl auf dem linken Ufer der March geblieben seyn, wo er den Feind eher hätte erreichen können; und hätte man schnell nur wenige Infanterie, oder eine Abtheilung Dragoner, längs dem Gebirge über Modern vorgeschickt, und mit ihnen die Gebirgspäffe besett, so würden die Tataren ihrem Unsterne schwerlich entgangen seyn. Die Besorgniß für Preßburg aber, hielt ohne Zweifel den Feldmarschall ab, sich noch mehr durch Entsendungen zu schwächen.
Das Fort von Schintau und das Schloß von Freistadtl hielten sich noch immer. In Letterem lag ein Lieutenant mit einer Abtheilung Dragoner und einigen wenigen Ungern, die nur kärglich mit Lebensmitteln und Munizion, mit grobem Geschütze aber gar nicht, versehen waren. Gegen 10,000 Janitscharen und Reiter hielten das Schloß durch zehn Tage eng eingeschlossen, beschossen es heftig, und legten mehrmals vergeblich den Sturm an. Endlich am 13 September, nachdem ihnen vorher noch drei Stürme abgeschlagen worden waren, und sie die Brücke über die Waag abgeworfen hatten, zogen sie von Freistädtl ab.
Drei bis vier hundert Kroaten und Dragoner, die am 3. von der Waag oberhalb Freistädtl versprengt, und nach Mähren geworfen wurden, blieben, nebst dem Dragoner-Regiment Görtzky, zur Besetzung der March und der Gebirgspäffe in Mähren, und wurden unter die Befehle des F3M. de Souches, des kommandirenden Generals dieser Provinz, gestellt. Diese Truppen waren, wenn sie zweckmäßig aufgestellt wurden, hinreichend, jene Provinz gegen die Einfälle der Tatarenhorden zu schützen, denen jeder, nur mit einer schwachen Mauer umgebene Ort ein fester Damm war. Auch würde ihnen der erste Einfall nicht gelungen seyn, wenn die Truppen des mährischen Aufgebots nicht so zerstreut, und nicht so unvorbereitet gewesen wären. — In Neutra, Neusohl, und den übrigen Bergstädten lagen schwache Garnisonen, die den ganzen Feldzug hindurch von den Türken nicht beunruhigt wurden. Auch hatte man über Szathmar und durch Ober-Ungern eine nie unterbrochene Gemeinschaft mit Siebenbürgen, wo die Türken die dortigen Besatzungen ebenfalls in Ruhe ließen. Alles, was sie nur aufzubringen vermochten, war vor Neuhäusel konzentrirt. Die ganze Masse lag zwischen Neuhäusel und der Waag. Die Neutra bewachten sie nur sehr leicht; Komorn beobachteten sie gar nicht. Die Haiducken gingen dort auf Streifereien aus und ein, und hatten ihren äußersten Posten in dem Dorfe Mars tos an der Neutra, 1 Meilen von Komorn. Fast täglich hatte man Nachrichten aus Neuhäusel.
Nach der Rückkehr Sporks bestand das Korps unter Montecuccoli aus 2000 Mann Infanterie und 4500 Reitern; und am 15 September stießen noch 1100 Tiroler dazu. Mehrere Reichstruppen waren unter Wegs, und hatten bereits die Grenzen der Monarchie überschritten. Die ungrische Insurrekzion des rechten Donau-Ufers hatte sich in der letztern Zeit thätiger bewies sen, und bis 16 September hatte Graf Esterhazy 3000 Mann bei Papa, und der Palatinus gegen 8000 bei Vath an der Marczal, versammelt. Nachdem die Tataren sich wieder vom rechten Ufer der Waag entfernt hatten, wurde die Besatzung von Schintau verstärkt, und einige wenige Truppen wurden nach Tyrnau und Modern gelegt. Bösing aber verschloß ihnen die Thore, meinend, es werde sich schon selbst gegen die Tataren vertheidigen.
Neuhäusel wurde indessen schon hart bedrängt, und Forgacz suchte zu wiederholten Malen dringend. um Hilfe an. Montecuccoli wußte ihn aber nur mit Hoffnungen zu trösten, und fühlte sich zu schwach, um den Platz zu entsetzen. Das Resultat eines hierüber am 13 September gehaltenen Kriegsrathes war: daß man vor der Hand, wegen Ungleichheit der Kräfte und Nachtheil der Lokalität, weder im Stande sey, der Festung unmittelbar und auf eine entscheidende Art zu Hilfe zu kommen, noch wegen Mangel an Mannschaft und Mitteln eine Diversion zu Gunsten derselben, durch den Angriff eines feindlichen Platzes, unternehmen könne; und daß zur Erleichterung des Schicksals der Belagerten nur übrig bleibe, zu trachten, dem Feinde die Lebensmittel abzuschneiden, sich auf eine sichere Art nahe an das Lager desselben zu sehen, und ihn in Allarm und Zweifel zu erhalten; wodurch man ihn zwinge, vereinigt zu bleiben, und seine Fouragirung auf einen engen Raum zu beschränken, welches ihm den Unterhalt erschwere. Das sicherste Mittel, dieses auszuführen, sey, mit den Truppen in die Schütt zu ziehen, und zwei Brücken zu schlagen; die eine bei Gutta, um mit der deutschen Armee sich dem Feinde in der Fronte entgegensetzen zu können; die andere bei Komorn, um den Feind im Rücken, zwischen Neuhäusel und Gran, zu beunruhigen; welches Lettere der Banus von Kroatien, Graf Nikolaus Zrini, vollführen sollte, sobald die Insurrekzion verfügbar sey, und die Truppen, die man aus Steiermark erwartete, angelangt seyn würden. Bis dahin aber wolle man die hierzu nöthigen Vorbereitungen machen, unaufhörlich Parteien aussenden, und sich auf alle Weise bemühen, den Magistrat von Press burg endlich zu bewegen, in die Stadt eine Besatzung einzunehmen; ohne welches auf unvorhergesehene Weise irgend ein unwiederbringlicher Nachtheil erwachsen könne.
Doch wurde die Aufstellung der Armee in der großen Schütt noch lange verschoben, und diese wichtige Insel war nur mit Vorposten befetzt, wozu noch ihre Bewohner aushelfen mußten, deren Wachsamkeit häufig einschlief. Auch war noch keine Brücke vorhanden, um bei einem Angriffe auf dieselbe, schnell hineinziehen zu können. Die Fouragirung des Feindes auf einen engen Raum zu beschränken, und ihn zu zwingen, vereiniget zu bleiben, war eine schwierige Aufgabe für die wenigen Truppen, die zu Gebote standen. Wenn alle Verstärkungen anlangten, konnte man höchstens auf einige 20,000 Mann rechnen. Der Feind lebte aus gefüllten Magazinen, und bedurfte der Fouragirungen nicht sehr. Die Gegenden von Neutra, Neusohl, und das Gebirge blieben bis Ende des Feldzugs von seinen Besuchen verschont, und die Verheerungen, welche die Tataren anrichteten, bewiesen auch nicht, daß er um seine Bedürfnisse besorgt war. Der Weg von Neuhäusel nach Parkan, auf dem er alle Zufuhren bezog, war allein die verwundbare Seite des Feindes.
Es trafen Nachrichten ein, als sollte nun das rechte Ufer der Donau die Reihe treffen, vom Feinde verheert zu werden. Die Türken verschonten jedoch dasselbe, ließen aber schon am 16. September ihre Horden von neuem über die Waag los. Bis zum 23. hausten sie schrecklich in dem ganzen Landstriche zwischen der Waag und dem Gebirge umher, und durchzogen ihn nach allen Richtungen. Am 17. kamen Einzelne bis in die Vorstädte Preßburgs, zogen aber alsbald wieder ab, als sie von den Höhen herab die kaiserlichen Truppen am jenseitigen Ufer erblickten, die bei der Brücke eine Stellung genommen hatten. Mit grausamer Wuth aber zerstörten sie durch sieben Tage alles, was auf dem jenseitigen Ufer von ihrem ersten Zuge übrig geblieben war. Die Städte blieben verschont, weil ihre Mauern gegen diese regellosen Barbaren ihnen Schutz gewährten; von den Dörfern aber blieb nicht eines stehen, und was sie vom Landvolk habhaft werden konnten, wurde niedergemacht, oder in die Sklaverei abgeführt. Auch versuchte ein zahlreicher Schwarm abermals, über das Gebirge in Mähren einzudringen; allein die dort an den Pässen vertheilten Truppen versperrten ihnen auf diesem zweiten Zuge den Eintritt, und wiesen sie zurück. Montecuccoli blieb dieses Mal ruhiger Zuschauer ter Verheerungen, und entfendete nichts, ihnen Einhalt zu thun, obgleich er jegt fast doppelt so stark war, als bei dem ersten Zuge der Tataren, und die Türken nicht, wie das erste Mal, eine starke Reserve an der Waag in Bereitschaft hatten. In die große Schütt ließ er eilends Dragoner und Kürassiere auf Schiffen überführen, nachdem der Feind seit dem 19. Miene machte, in dieselbe einzubringen. Das jenseitige Land aber war ohne allen Schutz; bloß der baierische Oberstlieut. Höning, — der die Verstärkung nach Schintau, nebst zwei andern Kompagnien Fußvolks, die als Besatzungen in einige jenseitige Städte verlegt wurden, geleitet hatte, — befand sich mit kaum 200 Pferden eben in Tyrnau. Dieser fiel am 17. muthvoll aus der Stadt aus, und setzte unter einen Schwarm, der auf 7 bis 8000 Mann geschäßt wurde, tödtete davon 160, konnte aber nur Einen lebendig einbringen, und zwang den Feind zum Umkehren; er selbst verlor hierbei nicht mehr als 14 Todte und einige Verwundete. — Montecuccoli hegte Besorgnisse für Preßburg; und es war, wie er nachher durch den walachischen Fürsten Gihka, mit dem Einverständnisse unterhalten wurden, erfahren haben will, die Absicht der Türken auf die Posizion von Lanschitz gerichtet, und als sie diese geräumt fanden, wollten sie in der That Preßburg nehmen, ließen sich aber durch den Anblick der jenseitigen Truppen abschrecken. So gut als Montecuccoli immer von den Türken unterrichtet war, so schlecht scheinen diese von ihm Kunde gehabt zu haben; weil sie ihn noch bei Lanschitz wähnten, das er seit vierzehn Tagen verlassen hatte.
Am 22. September räumten die Tataren das rechte Ufer der Waag wieder. Dem Fort von Schintau und dem Schlosse von Freistädtl war bei dieser Expedizion eben nicht stark zugesetzt worden. — Dieser neue Anfall der Tataren bewog endlich den Magistrat von Preßburg, eine Besatzung in die Stadt aufzunehmen, und es wurden 1 Kompagnie Tiroler und 1 Kompagnie des Infanterie-Regiments Strozzi, das am 22. von Wien anlangte, hinein gelegt.
Gen. Graf Pucheim, Kommandant von Komorn, þatte unterdessen, seit die Türken vor Neuhäusel die Laufgraben eröffnet hatten, beständig Parteien gegen sie ausgesendet, die bis nahe an ihr Lager drangen, und ihnen häufige Gefechte lieferten, in deren einem bei 500 Türken geblieben seyn sollen. Seine Spione wußten sich durch den zahlreichen Feind geschickt durchzuschleichen, und es wurde durch deren Hilfe ein beständiger Briefwechsel mit Neuhäusel unterhalten. Auch gelang es ihm zweimal im Laufe der Belagerung, von Komorn aus, einige hundert Haiducken, nebst einigen Kanonieren, an welchen Letzteren es den Belagerten vorzüglich gebrach, in den bedrängten Platz zu werfen, welche Truppen an schlechtbewachten Stellen schwimmend durch die Neutra fetzten. Die Ausführung des im Kriegsrathe zu Karlburg beschlossenen Planes drohte für die Hilfe Neuhäusels zu spät zu kommen; denn schon am 19 hatte Forgacz den ersten Sturm abgeschlagen, und der Platz nahte sich seinem Falle. In den letzten Tagen des Septembers war enda lich bei Karlburg eine Brücke über den Donauarm hergestellt; aber aus Besorgniß für Preßburg ließ Montecuccoli die Truppen noch in ihrer Aufstellung bei der dortigen Brücke, und wartete die Unkunft des Banus von Kroatien, Bathiany, und der Truppen aus Steiermark, die sämmtlich noch weit entfernt waren, ab, bevor er in die Schütt zog. Unterdessen aber fiel Neuhäusel dem Feinde in die Hände.
Der Platz bildete sechs reguläre Fronten, und hatte eine einfache bastionirte Umfassung, ohne Raveline und Tenaillen, ohne bedeckten Weg und Glacis, noch sonstige vorliegende Werke, welche die Annäherung des Feindes hätten verzögern können. Von den Bastionen waren die drei, welche gegen die Neutra gekehrt waren, in solidem Stande; jene drei auf der entgegengesetzten Seite aber waren noch unvollendet. Vor diesen war der Graben noch nicht vollkommen ausgehoben; die Flanken beskanden nur aus hölzernen, mit Erde angefüllten Kästen; vor den Façen war eine, über der Sohle des Grabens 4 bis 5 Klafter hohe, schwache Mauer aufgeführt; der hinter der Lehteren liegende, nur neun Schuh dicke Erdwall war von derselben aber durch einen Raum von 16 bis 20 Schuhen getrennt; fo daß die Mauer ganz frei stand. Wahrscheinlich mußte es, da der Graben noch nicht ganz ausgehoben war, an der nöthigen Erde mangeln, und dadurch diese sonderbare Beschaffenheit herbeigeführt worden seyn, die man seit mehr als neunzehn Jahren so ließ. Vorwärts der Umfassung lief in dem Graben eine Pallisadirung rund um den Platz . Die Besatzung konnte etwas über 5000 Mann betragen. Damals, als man noch nicht die Parallelen in Anwendung gebracht, auch noch nicht den Rikoschet erfunden hatte, war die Widerstandsfähigkeit der Festungen, auch gegen den bei zivilisirten Heeren herrschenden Grad der Kunst im Ungriffe, weit größer als jetzt. Doch konnte Neuhäusel, selbst wenn die Hauptumfassung wäre vollendet gewesen, — da ihm der Abgang eines bedeckten Weges, und Thore, die bei dem mit Wasser vollgefüllten Graben ganz unbedeckt auf dem Horizonte des Platzes lagen, und schon von ferne dem Feuer des Feindes, ausgesetzt waren, die Ausfälle untersagten, (dieses kräftige Mittel, die Annäherungen des Belagerers aufzuhalten, besonders bei der alten Manier des Angriffs, bevor Parallelen die Arbeiter schützten, und der Rikoschet ein so entschiedenes Übergewicht über das Feuer des Platzes gewann), — nicht lange Widerstand leisten, wenn die Tapferkeit der Besatzung nicht das ergänzt hätte, was die Kunst dem Platze an Haltbarkeit mangeln ließ. Die Türken griffen die drei unvollendeten Bastionen an, und arbeiteten sogleich daran, das wenige Wasser aus dem davor liegenden Graben abzuleiten, welches ihnen am sechsten Tage gelungen war. 4000 Janitscharen gruben sich in einem beide angegriffenen Fronten umfassenden. Laufgraben ein, und gaben schon hier eine Idee der Parallele. Sechs große Batterien errichtete der Feind gleich bei Eröffnung der Laufgraben, vom schwersten Kaliber von 24 bis zu 80 Pfund, die unaufhörlich gegen den Platz donnerten, und viele Gebäude der Stadt bald in einen Schutthaufen verwandelten. Am 6. September, dem zwei und zwanzigsten Tag der Einschlietzung, stand der Feind am Rande des Grabens, und begann an allen drei angegriffenen Bastionen Bresche zu schießen. Hierauf hätte der Sturm in vier bis fünf Tagen angelegt werden können, wenn die Türken sich begnügt hätten, quer durch den Graben Schulterwehren zu dem Fuße der Bresche zu führen. Sie brauchten aber größere Vorbereitungen, und schienen die ganze Befestigung der Erde gleich machen zu wollen, bevor sie einen Fuß darauf festen. Sie drangen in den Graben, vertrieben die Belagerten von der Pallisadirung, logirten sich am Fuße der eingestürzten Mauer, und setzten an sechs oder sieben Orten den Mineur an, während die Belagerten nur Einen in der Festung hatten. Gegen die mittlere Bastion errichteten sie, wie 1669 vor Candia, einen ungeheuren Kavalier, der diese, so wie ein großes Stück der beiderseitigen Kourtinen, umfaßte, und den Wall der Festung überhöhte. Die Batterien desselben zerstörten das Geschütz des Platzes; allerlei Gegenstände rollten sie von diesem Berge hinab, um den Graben damit auszufüllen. Doch währte ihnen endlich diese Arbeit zu lange, und am 19. zwischen zwei und drei Uhr Nachmittags schritten sie zum ersten Sturme, der bis halb acht Uhr Abends dauerte. Die Artillerie des Platzes war schon bis auf wenige Geschütze demonetirt, und die meisten Kanoniere waren erschossen; die Bastionen nur noch ein Schutthaufen; denn mit den Façen waren auch die Flanken eingestürzt. Der Feind bestürmte nur eine der Flügelbastionen, die Friedrichs-Bastion, durch deren Graben er endlich drei Gallerien zum Fuße der Bresche zu Stande gebracht hatte; obgleich er es, wegen des schon so übel zugerichteten Platzes, bei allen dreien zugleich hätte unternehmen können. Er setzte mehrmals mit Wuth an, und hatte einmal bereits siebzehn Fahnen auf dem Bollwerk aufgepflanzt; aber jedesmal warf ihn die Besatzung, durch Angriff mit der blanken Waffe, wieder über den Wallbruch hinunter. Die Nacht und der erlittene große Verlust setzten für diesen Tag den ferneren Stürmen der Türken ein Ziel.
Am 20. September fuhr der Feind mit der Beschietzung lebhaft fort. Den 21. erneuerte er den Sturm, und zwar auf beide äußere Bollwerke, Friedrich und Forgacz, zu welchem letztern nun auch eine Gallerie zu Stande gekommen war. Mit verdoppelter Wuth setzten die Türken fünfmal an; aber alle ihre Anstrengungen scheiterten auch dieses Mal an der Tapferkeit der Besatzung. Ein vornehmer Bassa, der ganz in rothen Sammt gekleidet war, mit einem kostbaren Schild am Arme, führte die Stürmenden, und ward auf der Höhe der Bastion von einer Kugel zu Boden gestreckt. Sein Leichnam fiel in die Hände der Vertheidiger, und als die Soldaten seinen reichen Anzug plünderten, fanden sie ein Papier bei ihm, dessen Inhalt bei ihnen die Hoffnung auf Entsatz schwächte, mit dem sie sich noch immer getröstet hatten. Den 22. legten die Türken abermals den Stumn auf beide Flügelbollwerke an. Auf denselben lagen mehrere mit Pulver gefüllte Sturmfässer in Bereitschaft, sie auf die Stürmenden hinab zu rollen. In der Hiße des Gefechts flogen diese auf einer der angegriffenen Bastionen durch die Unvorsichtigkeit eines Soldaten auf, tödteten zwei Stabsoffiziere und viele andere. Die Soldaten glaubten, es sey eine Mine des Feindes, und wichen; aber Forgacz wußte sie mit frischem Muthe zu beleben. Sie griffen nun den Feind mit erneuerter Tapferkeit an, warfen ihn von dem eroberten Bollwerke hinunter, verfolgten ihn mit einem kühnen Ausfalle über die Bresche, und trieben ihn ganzlich aus dem Graben, wobei Oberst Pio mit zwei Pfeilen verwundet wurde. Die Breschen waren so weit und gangbar geworden, und der Graben so hoch ausgefüllt, daß selbst Kavallerie bequem hinauf reiten konnte. Auch mußten, als die Janitscharen nicht durchdringen konnten, die Spahis hinan, denen der Großvezier, zum Preis, den Sold erhöhte. Uber vergebens waren alle Anstrengungen, und die Türken mußten vom fernern Stürmen abstehen.
Nun waren aber in der Festung auch nicht mehr als 8 brauchbare Kanonen noch vorhanden, nur 2 Kanoniere mehr am Leben, die Besatzung auf weniger als die Hälfte geschmolzen, der größte Theil der Offiziere todt oder verwundet. Alles Zinn und alles Blei, was von den Fenstern oder sonst in der Stadt aufzutreiben gewesen war, hatte man bereits zu Munizion umgegossen, und dieser letzte Nothbehelf war seinem Ende nahe. Die Länge der Fronten überstieg die Tragweite des kleinen Gewehrs; und sobald der Gebrauch des Geschützes aufhörte, waren die Breschen ohne alle Seitenvertheidigung. Die Hoffnung auf Entsatz, die selbst der Kommandant bis zum letzten Augenblicke genährt hatte, fand nun in Niemanden mehr Raum und jeder fühlte, daß alle Tapferkeit am Ende doch vergebens seyn würde. Drei Stürme waren heldenmüthig abgeschlagen; aber die noch vorhandenen geringen Vertheidigungsmittel machten den Widerstand gegen den vierten, sehr zweifelhaft, und die Türken machten dazu furchtbare Vorbereitungen. Doch Forgacz wollte von keiner Übergabe hören, und schien fest entschlossen, sich unter den Trümmern der Stadt begraben zu lassen. Er war mit allen Anstalten zum Empfange des vierten Sturms beschäftigt, als ihn ein Haufe der Einwohner, die bis dahin sich standhaft bewiesen, und selbst im Gewühle des Sturms den Vertheidigern auf den Bastionen Munizion und Material zugetragen hatten, umringte, und Laut die Übergabe des Platzes forderte. Er ließ sie auseinander treiben, und ihnen unter scharfer Drohung dergleichen Zusammenkünfte verbieten. Aber Tags darauf steckte dieses Verlangen nach Übergabe auch die Truppen an, die bisher so viel Tapferkeit bewiesen hatten. Es entstand eine Meuterei unter ihnen, die zum Zwecke hatte, den Kommandanten zu einer Kapitulazion zu zwingen, und, im Falle er sich dazu nicht verstehen wolle, ohne ihn und die Offiziere mit dem Feinde zu unterhandeln. Forgacz wählte einen Weg, der wohl nicht der rechte war, um sie zum Gehorsam zurückzuführen. Er ließ von jeder Kompagnie 2 Mann zu sich kommen, erinnerte sie ihres Eides, und ermahnte fie: mit ihm lieber ruhmvoll zu sterben, als sich einem Feinde zu überliefern, der nicht gewohnt wäre, den Christen das gegebene Wort zu halten; und beschied sie zu ihren Kameraden zurück, ihnen dieses vorzutragen, und ihm deren Antwort zu bringen. Hierdurch vereinigte vielleicht Forgacz selbst die Gemüther, und benahm. jedem die Furcht vor dem ersten offenen Schritte. Alle Ermahnungen der Offiziere halfen nichts; die Truppen schickten eine Deputazion an den Kommandanten mit der Erklärung zurück, daß die Unmöglichkeit, den vierten Sturm noch auszuhalten, am Tage liege, sie nun Tapferkeit genug bewiesen hätten, und verlangen könnten, daß man ihr Leben nicht unnüt opfere. Er solle kapituliren; wo nicht, so würden sie für sich allein es thun.
Der verwundete Oberst Pio, der, entrüstet über den Ungehorsam, sein Bett verlassen hatte, und diese Antwort tar Soldaten zuerst vernahm, zog den Degen, und verwundete mehrere der Abgesandten. Diese zerstreuten sich, und die Widerseßlichkeit brach nun in offenen Aufruhr aus. Forgacz eilte mit den Offizieren unter sie; er selbst hieb und stach mehrere der Empörer nieder, vermochte aber nicht, Ordnung und Gehorsam wieder herzustellen.
Der Feind hatte sich bereits wieder am Fuße der Bresche festgesetzt, und machte seit mehreren Tagen die furchtbarsten Vorbereitungen zum vierten Sturme. Sein Geschütz donnerte während den Unordnungen unaufhörlich gegen den Platz, und er wußte, wie es sich hernach zeigte, Alles, was darin vorging, erneuerte jedoch den Sturm nicht, begann aber auf der entgegengefetzten Seite, gegen die Bastion Pio eine Brücke über den noch mit Wasser angefüllten Graben zu bauen. Nachdem Forgacz wiederholt den Weg der Güte Fruchtlos versucht hatte, an das Abschlagen eines erneuerten Sturmes nun nicht mehr zu denken war, und das Leben vieler tausend Einwohner, die schon zum großen Theile ohne Obdach waren, bei längerem Zögern Gefahr lief, das Opfer des eindringenden Feindes und der Wuth einer empörten Soldateska zu werden, fand er sich, mit Einstimmung aller höhern Offiziere, bewogen, zu kapituliren. Er setzte die härtesten Bedingungen auf, um den Großvezier zur Verwerfung der Kapitulazion, uud dadurch vielleicht die empörte Besatzung wieder zur Pflicht zu bringen. Die bisher bewiesene Tapferkeit aber hatte dem Großvezier Achtung eingeflößt, und er bewilligte Alles, was verlangt wurde; nur die Mitnahme des Geschützes verweigerte er. Die erforderlichen Wagen ließ er mit möglichster Eile herbeischaffen, und schon am folgenden Morgen, den 27 September, den drei und vierzigsten Tag der EinschlieBung, zog die Besatzung mit Hab und Gut, Gesunde und Kranke, aus. Die Türken gaben ihr sicheres Geleite nach Komorn, und schützten sie gegen die Tataren, die mehrmals sie zu plündern versuchten.
Die Belagerten zählten mehr als 18,000 Schütze, welche die Türken im Laufe der Belagerung gegen die Festung gethan hatten, deren Kugeln von 24, 48, 60, und 80 Pfund waren. Von 5 bis 6000 Mann, welche die Besatzung zu Anfang der Belagerung zählte, worunter bei 1200 Ungern, und die übrigen Deutsche waren, zogen nur 2525 der Lehteren, worunter sich 444 Kranke und Blessirte befanden, nebst einigen hundert Ungern, aus. Von den Offizieren war weit über die Hälfte geblieben.
Schade! daß diese Tapfern den Lorbeer durch Aufruhr befleckten, und die Erhaltung des oft heldenmüthig gewagten Lebens, am Ende dem schönen Denkmale vorzogen, welches aus den Trümmern Neuhäusels für sie emporgestiegen wäre.
Sowohl wegen der erlittenen Niederlage bei Parkan, als wegen der Übergabe Neuhäusels, ward über den Grafen Forgacz ein Prozeß verhängt. In dieser Untersuchung wird auch nicht einer der Offiziere genannt, der an der Empörung in Neuhäusel Theil genommen hätte, und es zeigt sich, daß sie bloß auf die Mannschaft sich erstreckte, die, wie damals alle Armeen, aus lauter geworbenen Truppen bestand, von denen man, obgleich sie durch den dreißigjährigen, polnischen und schwedischen Krieg, an den Anblick des Todes gewöhnt waren, und noch kurz vor ihrem Ungehorsam davon die schönsten Proben abgelegt hatten, — doch nicht jene Aufopferung erwarten konnte, die aus der Liebe zurn Vaterlande entspringt.
Dem FM. Grafen Forgacz wurde die Entblößung der Festung von einem so namhaften Theile der Besatzung, um damit gegen Parkan zu eilen, wohl nicht mit Unrecht, als ein militärischer Fehler angerechnet; doch entsprang derselbe aus einer militärischen Tugend, aus der Begierde, sich mit dem Feinde zu messen. In Betreff Neuhäusels verband ihn ein besonderer Eid, als Oberhauptmann der Novigrader Gespanschaft und General der Gebirgsplätze, diese Festung nur mit seinem Tode dem Feinde zu überlassen. Es konnte ihm weder in dem einen, noch andern Falle eine offenbare und vorsägliche Pflichtverletzung bewiesen werden; noch daß er, wie ein Punkt seiner Anklagsakte lautete, den Aufstand der Besatzung selbst veranlaßt habe. Vielmehr ging aus der Untersuchung hervor, daß der Entschluß, Neuhäusel bis auf den leßen Mann zu vertheidigen, in ihm nicht gewankt zu haben schien, die Offiziere stets bereit waren, dieses Loos mit ihm zu theilen, und daß allein der Aufruhr der Besatzung ihn zur Übergabe zwang. Nur blieb es dahin gestellt, ob er die rechten. Mittel wählte, von denen die Dämpfung desselben zu hoffen war. Der Schluß des Auditoriats lautete, daß über die Fehler, die Forgacz bei Parkan begangen haben könne, noch die nöthigen Beweise mangelten, daß aber weder in Beziehung hierauf, noch in Beziehung auf Neuhäusel, wegen offenbarer Pflichtverletzung eine Strafe über ihn verhängt werden könnte, es sey denn: man wolle ihn nach dem Gesetze des Manlius richten.
Dieser Spruch wurde umgestoßen, und eine Revision des Prozesses, der nicht recht sollte instruirt worden seyn, vorgenommen. Aber auch diese Revision konnte Forgacz nicht zum Verbrecher machen. Nach einjähriger Haft wurde sein ganzer Prozeß unterdrückt, und Forgacz seines Arrestes entlassen. — Wenn das Gesetz des Manlius bei dem Grafen Forgacz in Erinnerung gebracht wurde, so möchte es um so mehr bei der Garnison am rechten Orte gewesen seyn, nachdem sie für die bewiesene Tapferkeit den Lorbeer empfangen, wo nicht den zehnten Mann, doch wenigstens die Rädelsführer, dem Lictor zu übergeben. Sonderbar genug aber erstreckte sich der Prozeß auf die Person des Grafen Forgacz ganz allein, und die Besatzung wurde ohne die mindeste Ahndung dem übrigen Heere wieder angereiht.
Die damals noch zweideutige Stimmung vieler ungrischen Großen mochten viel zu der Strenge beitragen, die man Forgacz widerfahren ließ. Auch fiel das endliche Gutachten des Hofkriegsraths dahin aus, den Grafen Forgacz, weil er in Neuhäusel das Mögliche geleistet, wohl seines Arrestes zu entlassen, jedoch mit Verbot des Hofes und der Residenz, — ihn aber, weil er ein unruhiger Kopf sey, unter Aufsicht zu stellen.
Nach dem Falle von Neuhäusel ließen sich die Türken wieder stärker diesseits der Waag und bei der Schütt sehen, machten aber keinen ernstlichen Versuch, in Letztere einzudringen. Der Großvezier selbst blieb mit der Hauptmacht bei Neuhäusel stehen, und ließ dessen Befestigung schleunigst wieder aufrichten. Montecuccoli verstärkte die Truppen in der Schütt mit dem Reste des Infanterie-Regiments Strozzi und den Kavallerie-Regimentern Rappach und Holstein; die aus Neuhäusel abgezogene Besatzung wurde ebenfalls zu Verwahrung dieser Insel verwendet, und die Ufer der Waag bei Gutta, und die des nördlichen Donau-Arms, befestigt. Dem Fort von Schintau und dem Schlosse von Freistädtl wurden neuerdings Verstärkungen und Munizion zugesendet, die Besatzung von Preßburg vermehrt, und man fing an, diesen Ort zu verschanzen.
Man beschleunigte den Marsch der aus Steiermark erwarteten Regimenter Bachońhay Dragoner und Piccolomini Kürassiere, der südlichen Grenzer des Grafen Bathiany, und der Truppen des Banus von Kroatien, der für seine Person am 29. September bei Vath anlangte, und den Oberbefehl über die Insurrekzionstruppen übernahm. Die Brücke bei Komorn bestand schon; zu jener bei Gutta aber fehlte es noch an Schiffen, die erst von Wien herab erwartet wurden.
Die Ungern blieben noch in ihren Stellungen bei Vath und Papa, so wie Montecuccoli bei Preßburg. *)
*) Am 26. September schrieb der Feldmarschall dem Grafen Esterhazy: er hoffe, ihm werde schon der Befehl zugekommen seyn, mit seinen 3000 Mann nach Komorn zumarschiren, wohin auch unverweilt die deutsche Armee abrücken werde. — Diesen Befehl will aber Graf Esterhazy in seiner Antwort vom 28. nicht bekommen haben, bewegte sich auch auf diese Erinnerung nicht von Papa fort; und meldet zugleich, daß sich die an der Marczal versammelten Ungern weigerten, vor der Ankunft des Grafen Zrini zu marschiren, und von diesem allein Befehle annehmen wollten.`
Endlich langten gegen die Mitte Oktobers Graf Bathiany und die Kroaten, nebst den 2 Regimentern Bachonhay und Piccolomini, an. Der Banus Graf Zrini zog mit diesen und den Ungern, 15,000 Mann stark, in die Schütt, und lagerte sich am 15 Oktober bei Komorn. Montecuccoli war um diese Zeit ebenfalls mit der deutschen Armee, die nun 11 bis 12,000 Mann betragen möchte, völlig in die Insel eingerückt. Auch sollte, wenn diese 26 bis 27,000 Mann noch vor dem Falle Neuhäusels hätten vereinigt werden können, nach dem Beschlusse des Kriegsrathes am 13, kein offener Schlag zum Entsage versucht werden, und man wollte sich eigentlich auf Parteigängerfehden beschränken. Man kann es nur den Feldherren jener Zeit, die im Stande waren, die Beschaffenheit und das Verhältniß der beiderseitigen Kräfte gegeneinander abzuwägen, allein zu beurtheilen überlassen: ob hier zwischen Vorsicht und Kühnheit das richtige Mittel gehalten wurde?
Dem entworfenen Plane gemäß, übernahm Zrini den Parteigängerkrieg jenseits der Waag und Neutra. Montecuccoli bewachte die Ufer des linken Donau-Arms und Preßburg; und der Palatinus sollte sich in die Bergstädte verfügen, um mit den dort zerstreuten Truppen und Insurgenten den Feind von jener Seite zu necken. Es ereignete sich aber nichts Erhebliches mehr. Die rauhe Jahrszeit nahte heran, wo die regellosen Scharen der Türken sich heim zu verlaufen pflegen. Der Großvezier, nachdem die Festungswerke von Neuhäusel wieder hergestellt waren, ließ dort eine Besatzung zurück, zog, bald nach dem Einrücken der östreichischen Armee in die Schütt, mit seiner ganzen Macht gegen Gran ab, und ließ sie auseinander gehen. Graf Zrini fiel seine Nachhut an, und hatte mehrere Gefechte mit ihr.
Nach dem Abzuge der Türken verließ auch der Banus mit seinen Truppen die Schütt, um die Winterquartiere zu beziehen; und gegen Ende Novembers that die deutsche Armee ein Gleiches. Die Regimenter sollten Anfangs an der March und Leitha verlegt werden, um zur frühzeitigen Eröffnung des künftigen Feldzugs bei der Hand zu seyn; sie erhielten jedoch zu Anfang des Dezembers den Befehl, sich in ihre Friedensstationen zu begeben. Neutra, Lewentz und Novigrad fielen noch vor Ablauf des Jahres den Türken durch Überfall in die Hände.
Obgleich man gewiß alle Ursache hatte, sich zu beglückwünschen, daß die Osmannen mit ihrer ungeheuren Übermacht nichts mehr gewannen, als eine elende Festung, so tadelten den Feldmarschall Montecuccoli viele seiner Zeitgenossen dennoch laut, daß er Neuhäusel fallen ließ, ohne auch nur etwas zu Gunsten dieses Platzes zu wagen. Die Ungern, - welche, im Vorbeigehen gesagt, Montecuccoli nicht liebte, und von denen er nicht geliebt wurde, äußerten den heftigsten Unwillen darüber, daß die kaiserlichen Truppen die Tataren für ihre Grausamkeiten nicht züchtigten; daß ihr Feldherr, bei dem zweiten Einfalle derselben, auch nicht einen Mann entfendete, ihren Verwüstungen Einhalt zu thun; daß man ruhig zusah, wie ein so beträchtlicher Theil der Bevölkerung in die Sklaverei geschleppt wurde, den ein Schriftsteller auf 40,000 Menschen beiderlei Geschlechts angibt. Der Gen. Graf Pucheim beklagt sich in einer Denkschrift über den Feldzug, die er im Dezember desselben Jahres dem Kaiser einsandte, gleichfalls über die Unthätigkeit der Truppen; und meint, daß, ungeachtet man zu schwach war, dem Feinde eine Schlacht zu liefern, doch mehr hätte geschehen, und die Tataren, die er als verächtliche Räuberhorden, die in keinem Gefechte Stand hielten, schildert, für ihren Einfall in Mähren hart hätten bestraft, und von ähnlichen Versuchen abgeschreckt werden können. Er sagt ferner: daß er die Kriegserfahrenheit des Feldmarschalls Montecuccoli nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen wisse, daß derselbe aber, obgleich er vielleicht unschuldig daran sey, bei den Ungern alles Zutrauen verloren. habe; und räth sogar dem Monarchen, weil der gute Wille dieser Nazion in einem Türkenkriege von so erheblicher Wichtigkeit sey, für den künftigen Feldzug einen andern Feldherrn an die Spitze des Heeres zu stellen.
Dergleichen Anklagen, vorzüglich aber die, welche seine Feinde am Hofe, im März des folgenden Jahres, zu Regensburg vor den Reichsständen gegen ihn erhoben, veranlaßten den Feldmarschall, dem damaligen ersten Minister Fürsten Porzia einen ausführlichen Bericht über den Feldzug von 1663 als Widerlegung dieser Vorwürfe zu übergeben. Der Schluß dieses in italienischer Sprache abgefaßten Berichts, finde hier in der Übersetzung seinen Platz . Er lautet, wie folgt:
„Diese Dinge und Thaten werden, nach ihrem wahren Werthe gewürdigt, von jedem, der nicht der Unwissenheit in der Kunst oder in den Begebenheiten unterliegt, oder nicht von den Leidenschaften des Neides und der Bosheit eingenommen ist, verdienterweise mit unendlichen Lobeserhebungen gefeiert werden (saranno con infiniti encomj meritevolmente celebrati). Sicher haben diese defensiven Handlungen nicht den Glanz der Siege; aber sie erfordern gewiß viel mehr Anstrengungen, Kunst, Kraft und Festigkeit. In der Offensive kommt nicht alles, was vernachlässigt und versehen wird, in Rechnung; die Augen, welche nur mit dem beschäftigt sind, was geschieht, verweilen nicht bei dem, was nicht geschieht; die Fama, welche dichtet, macht dus gewöhnlichen Thaten Wunder und aus gewöhnlichen Personen Helden. In der Defensive aber ist das kleinste Versehen tödtlich; man verweilt nur bei dem üblen, was erfolgte; aber man bedenkt nicht, was noch übleres hätte erfolgen können. Die Fama übertreibt das Widrige.
“O! Neuhäusel ist verloren; der Tatare lief nach Mähren !" -Aber wer weiß nicht, daß es ein Axiom von ewiger Wahrheit ist: daß die größere Macht immer die geringere bezwingt. Was geschah den Spaniern in Flandern im Jahre ? was den Franzosen 1652 was den Schweden in Pommern, in Polen, und in Dänemark in den Jahren 1658 und 1659 ?
Die Schütt ging zur Zeit Rakoczys verloren; bei einer andern Gelegenheit verlor man Preßburg: wenn man es jest verloren hätte, würde es nicht ein größeres Übel gewesen seyn, als der Rückzug von Lanschig, oder der Rückgang über die Donau? — Bilden diese Spekulanten sich vielleicht ein, daß die Generale Montecuccoli, Spork und Heister, ein Andrimont und Holst, von denen ein jeder seit dreißig und vierzig Jahren ununterbrochen in den hitzigsten und berühmtesten Kriegen Europas sich befand, welche beständig mit reiflichster Überlegung (es war zulegt auch Strozzi dabei) die Sache berathschlagten, und den Kreis des Thunlichen erforschten, glauben sie vielleicht, daß diese Generale nicht gewußt, und in der Nähe und auf dem Schauplahe der Begebenheiten nicht gesehen hätten, was sie gewußt, und von ferne gesehen zu haben wähnen ?
Und wenn der kaiserliche Hof, der nur eine halbe Lagreise vom Schauplähe der Begebenheiten entfernt war, eingesehen hätte, daß man nicht that, was man nach äußersten Kräften und nach Umständen thun konnce, glauben jene, daß er nicht die Verbesserung der Irrthümer, und Abhelfung der Mängel angeordnet haben würde? Aber es hat immer deren in der Welt gegeben, von denen geschrieben ward: cum calumniarentur ea, quae ignorabant (Jud. Ap. V. 10.)." —
Die Triebfedern der Handlungen ausgezeichneter Feldherren zu erforschen, kann nicht anders, als interessant und lehrreich seyn. Wir wollen versuchen, hier diejenigen aufzufinden, welche die Handlungsweise Montecuccolis bestimmten.
Unbezweifelt waren die kaiserlichen Truppen, durch die ganze Dauer der Belagerung Neuhäusels, stets zu schwach, um durch einen gewaltsamen Schlag den bedrängten Platz zu entsetzen; dieses um so mehr, da sich die Kunst damals noch nicht zu solchem Übergewichte über die robe Masse emporgeschwungen hatte, wie in späteren Zeiten. Das Fußvolk hatte noch nicht die jeßige innere Stärke; ihm fehlte noch das vollkommenere Feuergewehr und das Bajonnet. Die Pike war noch Montecuccolis Königinn der Waffen für das Fußvolk. *)
*) Ungefähr der dritte Theil eines Infanterie-Regiments bestand aus Pikenieren, der Überrest aus Musketieren, Entweder blieben die Pikeniere bei ihren Kompagnien, und diese standen, ohne Zwischenräume, eine an der andern zu sechs Mann hoch; oder die gesammten Pikeniere des Regiments standen als eine sechs Mann tiefe Masse in der Mitte, und rechts und links von ihnen die Musketiere, ebenfalls sechs Mann hoch. Im ersten Falle wechselten die Pikeniere mit den Musketieren rottenweise ab, oder jene lagen in den vordersten Reihen auf den Knieen, und diese feuerten über sie hinweg. Vor den Piken standen auch wohl noch ein øder zwei Reihen Musketiere, die, wenn der Feind nahe kam, sich unter die vorgestreckten Piken warfen, und knieend, oder liegend feuerten. Die Pikeniere waren ohne Wirksamkeit in der Ferne, die Musketiere gegen ansprengende Reiterei wehrlos, wenn ihnen das Feuer ausging, welches, bei der Unbequemlichkeit der Luntenschlösser und der Schwere des Nohres, überhaupt nicht so lebhaft unterhalten werden konnte, als heut zu Tage.
Es hatte noch nicht die Taktik späterer Zeiten: jenen Grad der Beweglichkeit, der sowohl die Marsch- als Schlacht-Ordnung dem Boden und den verschiedenen Wendungen des Gefechtes schnell anzupassen weiß. Die Reiterei (die zahlreichste und so überlegene Waffe der Türken) hatte, sobald der Boden ihr günstig war, ein entschiedenes Übergewicht über die Infanterie. Hatte sich der Sieg einmal erklärt, so fand sie meistens Gelegenheit, ihn in eine vollkommene Niederlage des Feindes umzuwandeln; wie man denn auch die Schlachten des dreißigjährigen Krieges größtentheils mit einer gänzlichen Auflösung des geschlagenen Heeres sich endigen sieht.
Die ungrischen Truppen fügten sich nicht immer dem Willen des kaiserlichen Feldherrn. Graf Zrini, welcher den Oberbefehl über sie führte, und viele Macht über ihre Gemüther übte, stand selten in gutem Einvernehmen mit dem Feldmarschall, so daß Beide am Ende die erbittertsten Feinde wurden; und hierin mag vielleicht die Ursache zu suchen seyn, warum die 8000 Insurgenten an der Marczal, und jene 3000 Mann, größtentheils Haiducken, bei Papa, welche Lettere eine mit leichten Feuerröhren bewaffnete kühne Infanterie waren (wie es auch jene von Komorn und Neuhäusel bewiesen), fast bis zu Ende des Feldzuges in gänzlicher Unthätigkeit verblieben; obgleich man seit der Mitte des Septembers über sie hätte verfügen können. Mit den kaiserlichen Truppen vereinigt, hätten diese um die Mitte Septembers eine Streitmasse von mehr als 18,000 Mann bilden können, die wenige Tage darauf durch das Regiment Strozzi und einige Reichstruppen auf mehr als 20,000 Mann anwachsen konnten; womit sich wenigstens, wenn der Feind eine Blöße gab, etwas ausführen ließ. Die Insurrekzions - Truppen, — eine größtentheils berittene Miliz, und an ewige Raufereien mit dem Feinde sowohl im Kriege, als Frieden gewöhnt, - waren vielleicht am geeignetesten, den Verheerungen der Tataren Einhalt zu thun ; sowohl wegen der Gewandtheit der Ungern zu Pferde, als ihrer größern Leichtigkeit, im Vergleiche, mit der regulären deutschen Kavallerie, die, bis auf das einzige Regiment Kroaten, durchgängig schwer bewaffnet war. Doch macht Montecuccoli dem Grafen Zrini und den Ungern über das Verweilen der Truppen bei Papą und an der Marczal nirgends Vorwürfe.
Das Versahren des Feldmarschalls selbst, kann auf zwei Haupthandlungen desselben zurückgeführt werden, nämlich erstens die Beziehung der Stellung bei Lanschig und des Kordons an der Waag; und zweitens sein Verharren bei der Schiffbrücke von Preßburg. Über die Ursachen und Folgen der Erstern. haben wir im Laufe der Erzählung gehandelt; es bleibt uns noch die zweite zu betrachten übrig.
In dem Kriegsrathe am 13. September sah man in der Störung der feindlichen Zufuhren das einzige Mittel, wovon sich eine Verzögerung des Falls von Neuhäusel, oder vielleicht sogar die Rettung dieses Platzes, hoffen ließe. Die Verbindung des Feindes mit Gran war bei deffen großer Übermacht die einzige verwundbare Seite desselben. Er bezog von daher nicht allein seinen Kriegsbedarf, sondern auch alle seine Lebensmittel; denn die Verheerungen der Tataren waren nicht als Fouragirungen zu betrachten. Die Lage von Komorn begünstigte nicht allein sehr eine jede unmittelbare Hilfleistung für den belagerten Plag, sondern auch alle Unternehmungen zur Störung der Zufuhren des Feindes; und die Umstände waren von der Art, daß sie sehr dazu einluden. Die gesammte Macht des Feindes lag vor den westlichen Fronten Neuhäusels zusammengedrängt. Komorn beobachtete er nicht einmal in der Nähe; sondern er ließ sogar den Posten, den Gen. Pucheim in dem bei 13 Meilen von da gelegenen Dorfe Martos hatte, durch die ganze Zeit der Belagerung ungestört. Wie schlecht die Türken die gegen die Neutra gekehrten Fronten Neuhäusels bewachten, beweiset, daß es den Haiducken von Komorn zweimal gelang, und jedes Mal bei 200 Mann stark, sich in die Festung zu werfen. Am 17. September hörten die Türken vor Neuhäusel mit Feuern fast gänzlich auf, und, nach Pucheims Berichten, war ihnen der Schießbedarf ausgegangen, dessen Ersatz sie von Gran erst wieder erwarteten. Vielleicht hätte die Aufhebung oder Zerstörung eines solchen Transports, oder ein gelungener Streich gegen die Brücke von Parkan, hingereicht, den Großvezier zum Abzuge zu bewegen, wozu ihm, der Aussage von Kundschaftern zufolge, mehrere Bassen, des vielen Stürmens müde, zuletzt gerathen haben sollen. Graf Pucheim, der in einem Schreiben vom 17 September dem Feldmarschall über den Beschluß des Kriegsraths, mit der Armee nach Komorn zu ziehen, seine Freude ausdrückt, geht in diesem Briefe sogar so weit, zu versichern, daß er die triftigsten Gründe zu glauben habe, das Erscheinen der Armee bei Komorn werde allein schon Neuhäusel entsegen. Diese Prophezeiung muß nun wohl auf sich beruhen; immer aber stand die Verbindung des Feindes mit Gran allen Unternehmungen von Komorn aus offen, und die angeführten Umstände ließen einen Erfolg nicht ganz unmöglich scheinen. Die Bedrohung des feindlichen Rückens war aber im Kriegsrathe den Ungern unter Graf Zrini zugefallen, die leider zu spät kamen. Es fragt sich, ob in Ermanglung der Ungern, nicht auch die deutschen Pferde Transporte aufheben, und die Verbindung des Feindes mit Gran bedrohen konnten?
In Komorn lag zu einem Brückenschlage Alles in Bereitschaft; jene bei Gutta kam aber gar nicht, und die bei Karlburg erst gegen Ende Septembers zu Stande. Montecuccoli beschwert sich jedoch nirgends, daß ihn Mangel an Fahrzeugen an der Ausführung seiner Plane, oder die Brücke bei Karlburg früher zu schlagen, als es geschah, — noch daß ihn die verspätete Ankunft der Ungern an seinem Marsche in die Schütt, gehindert hätte. — Hätte es sich bei ihm bloß um eine Verbindung mit der großen Schütt gehandelt, so hätte er auch die Schiffbrücke von Preßburg können abbrechen, und sie bei Karlburg von neuem schlagen lassen. Erst nachdem Preßburg eine Besatzung eingenommen hatte, dachte Montecuccoli an den Marsch mit allen seinen Truppen gegen Komorn, womit er wahrscheinlich nur deßhalb noch zögerte, weil die Nachricht von dem Falle Neuhäusels eben anlangte, als er sich dazu anschickte. Es scheint dieses hinreichend zu beweisen, daß die Wichtigkeit, die Montecuccoli auf die Erhaltung von Preßburg legte, ihn allein abhielt, gegen den Rücken des Feindes etwas zu versuchen.
Preßburg, mit einer Schiffbrücke über die Donau, ist ein Knoten der Hauptverbindungen auf beiden Ufern dieses Stroms, der sich zugleich hier in zwei Arme theilt, die in großer Entfernung von einander strömen, und sich erst bei Komorn wieder vereinigen. Es ist ein solcher Punkt, den ein auf dem linken Donau - Ufer operirender Feind nicht leicht vorbeigehen kann, so lange ein Heer dort steht, welches stark genug ist, ihn für vernachlässigte Vorsicht zu strafen. In diesem Falle war aber Montecuccoli nicht, der mit dem kleinen Reste der kaiserlichen Truppen, nur gleichsam als Parteigänger, gegen den überlegenen Feind wirken konnte. Es konnte daher die Wichtigkeit, die er auf Preßburg legte, sich nur auf die eigene Sicherheit beziehen. Vor allen Dingen mußte er verhüten, nicht von der Hauptstadt abgeschnitten zu werden, weil seine Truppen die einzigen waren, die zu ihrer Vertheidigung aufgeboten werden konnten, wenn es dem Feinde einfiel, die Belagerung Neuhäusels plößlich aufzuheben, um auf Wien loszugehen. Durch das Abbrechen der Schiffbrücke von Preßburg, wäre nun wohl die Gefahr des Abschneidens bes trächtlich vermindert, wenn nicht aufgehoben worden. Der Feind mußte dann entweder eine Brücke über den Strom schlagen, oder in mitgeführten Schiffen über denselben setzen, um dem Feldmarschall bei Kitsee zuvorzukommen, und ihn in der Schütt einzusperren. Hierzu brauchte er beträchtliche Zeit, die es dem Feldmarschall, der bei Komorn eben nicht weiter nach Preßburg hatte, als der Feind bei Neuhäusel, hätte möglich machen können, sich früh genug zurückzuziehen. Einen mehr kühnen, als vorsichtigen Feldherrn, hätte dieses vielleicht zu dem Versuche verleiten können, durch Unternehmungen gegen den Rücken des Feindes, den allerdings glänzenden Ruhm einzuernten, den zwanzigmal so starken Feind an der Eroberung einer elenden Festung zu hindern. Aber einmal, daß dieser Gewinn bei weitem nicht die Gefahr aufwog, wenn die Kaiserstadt bedroht wurde, mag auch noch folgender Umstand bei dem Feldmarschall Montecuccoli die Erhaltung von Preßburg allen andern den Vorzug gegeben haben. Es waren keine Magazine vorhanden; den Truppen mußte der fast tägliche Bedarf von Wien herab zugeführt werden. So lange das Heer nun nicht stärker war, konnte für dessen Unterhalt wohl leicht gesorgt werden, und im Nothfalle konnten die Vorräthe in den Festungen aushelfen. Man erwartete aber täglich die 15,000 Mann, die später Graf Zrini heranführte; die noch dazu aus Truppen bestanden, welche aus Mangel an Disziplin sich zu zerstreuen pflegten, sobald der Hunger sie plagte; und da es nun auch an Fuhrmitteln gebrach, so durfte die Gemeinschaft zu Wasser nie preisgegeben werden. Durch den Besitz von Preßburg aber unterbrach der Feind die Schifffahrt auf der Donau. Hielt man dagegen diesen Ort besetzt, so konnten die Fahrzeuge unterhalb desselben dem Arme ausweichen, der das Ufer des Feindes berührte. Deßwegen konnte man auch die Schiffbrücke bei Preßburg nicht füglich abbrechen, um diesen Punkt nicht zu isoliren, dessen Bedeutung durch die Vermehrung des Heeres auch von selbst schon stieg.
Was endlich die Verheerungen der Tataren betrifft, denen Montecuccoli, als sie das zweite Mal über die Waag kamen, ruhig zusah, so mag ihn hierzu die Schonung seiner Truppen, welche die einzigen Stützen der Monarchie für den höchsten Nothfall waren, um so mehr bewogen haben, da ihm erstens der Zug des FML. Spork die Erfahrung gegeben hatte, daß dergleichen Jagden auf diese pfeilschnellen Schwärme nur dazu dienten, die schwerfällige deutsche Reiterei zu erschöpfen; und zweitens es den Ungern hauptsächlich oblag, ihren eigenen Boden gegen die Einfälle der feindlichen Hors den zu schützen. Außer der Beihilfe von leichten Truppen in den Türkenkriegen, bezog damals der Staat fast gar keine Hilfsquelle aus Ungern, wogegen alle übrige Last des Krieges auf den Erbstaaten allein haftete.
Selten hatte dieser Feldherr einen Kampf mitgleichen Kräften, meistens aber mit an allen Hilfsmitteln sehr überlegenen Gegnern zu bestehen. Der sprechendste Zeuge, welch ungleichen Kampf er im Jahre 1663 zu bestehen hatte, mag folgendes Schreiben desselben an den Hofkriegsrath, vom 24. Juli 1663, seyn:
„Excellenzen! Aus unterthänigster Hochachtung, welche ich für den kaiserlichen Dienst trage, in welchem ich sechsunddreißig Jahre ununterbrochen zubringe, ohne einen einzigen Feldzug ausgelassen zu haben, bequeme ich mich gegenwärtig dazu, mit einer Partei von 4000 Pferden den Kroaten zu machen. Ich opfere alles den allergnädigsten Befehlen Seiner Majestät, so bald sie mir klar, kathegorisch und ausführbar gegeben werden."
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